Sprache

 
Kafka schrieb an Milena in einem seiner ersten Briefe:
"Es fällt mir ein, daß ich mich an Ihr Gesicht eigentlich in keiner bestimmten Einzelheit erinnern kann. Nur wie Sie dann zwischen den Kaffeehaustischen weggingen, Ihre Gestalt, Ihr Kleid, das sehe ich noch."
Und dann inszeniert Kafka in diese Abwesenheit des Anderen hinein seine selbstbezogene Leidenschaft.
"Wahnwitzig ist, daß Franz Kafka, ohne zu warten, bis er das Gesicht gesehen, Milenas Blick erblickt hat, ja ohne den Wunsch oder das Bedürfnis danach zu verspüren, es mit verzweifelter Beharrlichkeit, mit dem Starrsinn einer unglaublichen moralischen Aggressivität unter seiner scheinbaren Bestürzung, seinem Spiel selbstgefälliger Verlassenheit geschafft hat, eine fordernde, ausschließliche Liebe entstehen zu lassen und zu kristallisieren - eine klägliche Liebe indes wegen seiner Unfähigkeit, ihre Einsätze und noch weniger ihre Versprechen zu halten, sich ihnen zu stellen, den körperlichen Preis zu zahlen, den sie implizierten ..."
Jorge Semprun, Schreiben oder Leben, 300
Gibt es an dieser Liebe Kafkas etwas Bewundernswertes? Ist sie nicht nur ein erbärmliches Scheitern?
"... die vergeistigte, irrsinnig narzißtische, dem anderen gegenüber brutal gleichgültige Leidenschaft: gleichgültig gegen den Blick, das Gesicht, die Lust, sogar das Leben des anderen ...".
Jorge Semprun, Schreiben oder Leben, 315
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