"Da ist die einzigartige Chance, die uns mit jedem Beginn einer Liebesgeschichte gegeben wird: die Zeit des Erzählens der eigenen Lebensgeschichte. Der Anfang ist immer gekennzeichnet durch zwei ineinandergeschlungene Stimmen, die sich ihr Leben erzählen. Erzählzeit. Zuhörzeit. Der Anfang ist immer: das Abtauchen in die Erinnerung. Ein langsames, verästeltes Ausschöpfen.
Deshalb vielleicht das rauschhafte Glücksmoment dieser ersten Phase der Liebe: im Prozeß des wechselseitigen Erzählens und Zuhörens schimmert die Hoffnung auf, ein einziges Mal verstanden zu werden, d.h. zu existieren."
Undine Gruenter, Der Autor als Souffleur. Journal, 138f.

Indem wir einander zuhören, Geschichten erzählen, Geheimnisse anvertrauen, im Buch der Erinnerungen blättern, geben wir uns die Chance, einander wahrzunehmen. Liebe ist vor allem Aufmerksamkeit für den Anderen, wobei sich die Chance ergibt, sich selbst zu begegnen.



Gruenter, Undine: Der Autor als Souffleur. Journal. Frankfurt am Main: Suhrkamp (edition suhrkamp), 1995